Was mich ein Baum über chronische Erkrankungen gelehrt hat
- Carina Schütte

- 4. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Juni
Neulich bin ich einem Baum begegnet, der mich nicht mehr loslässt. Eigentlich war es nur ein Baum von vielen. Und trotzdem bin ich stehen geblieben, weil an diesem Baum etwas nicht stimmte. Zumindest nicht nach meiner Vorstellung davon, wie ein Baum auszusehen hat, der noch lebt.
Ein großer Teil seines Stammes war weggebrochen. Sein Fundament wirkte so beschädigt, dass ich mich zunächst ernsthaft gefragt habe, wie dieses Konstrukt überhaupt noch stehen kann. Je länger ich ihn betrachtet habe, desto absurder erschien mir seine Existenz. Eigentlich hätte er längst umfallen müssen.

Und genau dieser Gedanke hat mich beschäftigt. Nicht der Baum selbst, sondern meine Reaktion auf ihn.
Denn mir wurde bewusst, dass mein Blick sofort auf das gefallen war, was fehlte. Ich habe nicht die lebendige Krone gesehen. Nicht die vielen Äste. Nicht die Tatsache, dass dieser Baum offensichtlich einen Weg gefunden hatte, weiterhin zu existieren. Mein Blick hing an dem Schaden.
Dabei war das eigentlich das Erstaunlichste an diesem Baum: Nicht das, was ihm fehlte, sondern das, was trotz allem noch lebendig war. Während mein Blick sofort auf den Verlust gefallen war, schien der Baum selbst seine gesamte Energie in die Bereiche zu investieren, in denen noch Wachstum möglich war, weil dort das Leben stattfand. Vielleicht ist genau das etwas, das wir von der Natur lernen können. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit selten auf das, was nicht mehr da ist. Sie arbeitet mit dem, was vorhanden ist. Mit dem, was trägt. Mit dem, was wachsen darf.
Wenn wir mit chronisch kranken Tieren oder auch selbst mit einer chronischen Erkrankung leben, passiert oft genau dasselbe, was mir passiert ist, als ich den Baum sah.
Irgendwann gibt es eine Diagnose. Vielleicht eine Arthrose, vielleicht eine Stoffwechselerkrankung, vielleicht einen Befund, der klar macht, dass bestimmte Veränderungen nicht mehr rückgängig zu machen sind. Und ab diesem Moment richtet sich unsere Aufmerksamkeit häufig auf das, was nicht mehr funktioniert.
Das ist verständlich. Natürlich tun wir das. Wir lieben unsere Tiere und wünschen uns, dass es ihnen gut geht und auch für uns wünschen wir uns, dass alles möglichst „normal“ weitergeht. Gleichzeitig erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder, dass genau dieser Fokus verhindert, dass wir wahrnehmen, was alles noch da ist. Denn ein chronisch krankes Tier oder auch ein Mensch besteht nicht nur aus einer Diagnose. Es ist ein lebendiger Organismus, der jeden Tag versucht, mit den Voraussetzungen zurechtzukommen, die ihm zur Verfügung stehen.
Dabei wird immer wieder deutlich, dass Tiere sehr viel weniger mit ihrer Vergangenheit beschäftigt sind als wir Menschen. Während wir darüber nachdenken, wie gut unser Hund noch vor drei Jahren die Treppen lief, wie unser Pferd früher im gestreckten Galopp über die Wiese schoss oder wie unbeschwert wir noch vor einigen Monaten oder Jahren selbst waren, beschäftigt den Organismus meist eine ganz andere Frage: Wie komme ich bestmöglich mit dem zurecht, was heute möglich ist?
Genau darin liegt für mich einer der wichtigsten Aspekte von Selbstregulation.
Selbstregulation bedeutet nicht, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Selbstregulation bedeutet zunächst einmal Anpassung. Der Organismus überprüft ständig, welche Ressourcen ihm zur Verfügung stehen, welche Strukturen noch tragfähig sind und wie er innerhalb dieser Möglichkeiten möglichst viel Stabilität herstellen kann.
Das ist ein Perspektivwechsel, der in der Praxis oft den entscheidenden Unterschied macht.
Denn häufig entsteht zusätzliches Leid nicht nur durch die Erkrankung selbst, sondern durch den ständigen Vergleich mit dem, was einmal war. Solange der Blick ausschließlich auf den verlorenen Möglichkeiten liegt, bleibt kaum Raum für die Möglichkeiten, die heute noch vorhanden sind. Dabei erlebe ich immer wieder, dass Organismen erstaunlich wenig Interesse daran haben, einem vergangenen Zustand hinterherzutrauern. Sie scheinen vielmehr damit beschäftigt zu sein, sich in ihrer aktuellen Realität einzurichten und innerhalb dieser Realität neue Wege zu finden. Genau an dieser Stelle hat mich der Baum noch einmal auf eine andere Ebene gebracht.
Denn was ich dort gesehen habe, war nicht nur Anpassung im Sinne von „trotzdem irgendwie weiterleben“. Ich habe etwas gesehen, das viel grundlegender ist. Dieser Baum stand nicht trotz seiner Anpassungen. Er stand wegen seiner Anpassungen. Seine Krone, seine Ausrichtung, seine Art, Last zu verteilen, all das war nicht ein Fehler im System, sondern die Lösung, die das System gefunden hat.
Von außen betrachtet wirkt so etwas oft instabil. Man könnte meinen, dass eine solche Krone viel zu schwer für ein beschädigtes Fundament ist. Man könnte sogar auf die Idee kommen, dass man den Baum „entlasten“ müsste, indem man Teile entfernt. Doch genau hier wird es interessant. Denn was wir als Entlastung interpretieren, kann im System selbst eine Destabilisierung auslösen.
Das führt direkt zu einem Thema, das in der Arbeit mit chronischen Prozessen eine große Rolle spielt: Kompensation.
Kompensation wird häufig negativ bewertet. Als etwas, das „eigentlich nicht richtig“ ist. Als etwas, das korrigiert werden sollte.
Wenn man jedoch genauer hinschaut, zeigt sich etwas anderes. Kompensation ist zunächst einmal keine Störung. Sie ist eine Form von Selbstregulation. Ein Organismus kompensiert nicht aus Versehen. Er kompensiert, weil er sonst seine Funktionsfähigkeit verlieren würde. Wenn eine Struktur eingeschränkt ist, übernimmt eine andere mehr Verantwortung. Wenn eine Belastung nicht mehr wie gewohnt getragen werden kann, verteilt sich die Last anders. Wenn ein Körperteil nicht mehr funktionsfähig ist, organisiert sich das Ganze neu.
Das ist kein Fehler. Das ist Biologie. Das ist die Weisheit der Natur.
Natürlich gibt es auch Kompensationen, die im Verlauf der Zeit ungünstig werden können. Muster, die einmal sinnvoll waren, aber irgendwann nicht mehr notwendig sind. Anpassungen, die sich verselbstständigen und das System eher hemmen als unterstützen. Aber genau deshalb ist der entscheidende Punkt nicht, Kompensation pauschal zu entfernen, sondern zu verstehen, welche Funktion sie im Gesamtsystem gerade erfüllt.
Gerade bei chronischen Erkrankungen ist das etwas, das mir immer wieder begegnet: Der Wunsch, alles wieder „in die richtige Form“ zu bringen. Symmetrie herzustellen. Bewegungsmuster zu normalisieren. Abweichungen zu korrigieren.
Doch manchmal ist genau diese Abweichung Teil der Stabilität.
Manchmal hält eine Kompensation das System überhaupt erst in Balance. Und wenn man sie vorschnell entfernt, ohne zu verstehen, wofür sie da ist, kann genau das zu einem Verlust von Stabilität führen.
Deshalb arbeite ich in der Akupunkturorientierten Energiearbeit (AOE) nicht nach dem Prinzip, Kompensationen einfach zu beseitigen, sondern ich schaue darauf, was der Organismus selbst bereit ist loszulassen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn der Organismus weiß in der Regel sehr genau, welche Strategien noch gebraucht werden und welche nicht mehr notwendig sind. Wenn eine Kompensation ihre Aufgabe erfüllt hat, darf sie losgelassen werden.
Wird sie noch gebraucht, bleibt sie bestehen. Diese Form der Arbeit verändert den Blick auf den gesamten Prozess. Es geht weniger darum, gegen etwas zu arbeiten, das auffällig ist, sondern darum, mit der Intelligenz des Systems zu arbeiten, das versucht, sich selbst zu erhalten.
Vielleicht fällt uns das manchmal so schwer, weil wir Menschen uns stärker von unseren Vorstellungen begrenzen lassen, als uns bewusst ist. Wir entwickeln Bilder davon, wie Gesundheit auszusehen hat, wie Bewegung auszusehen hat oder wie Heilung abzulaufen hat. Und sobald ein Organismus von diesen Vorstellungen abweicht, neigen wir dazu, die Abweichung selbst zum Problem zu machen.
Doch liegt genau darin vielleicht eine der größten Lektionen der Natur?
Sie interessiert sich nicht für unsere Konzepte. Sie interessiert sich dafür, was unter den gegebenen Bedingungen möglich ist. Je länger ich mit Tieren arbeite, desto häufiger begegnen mir Entwicklungen, die ich theoretisch vielleicht nicht für möglich gehalten hätte. Nicht weil Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden, sondern weil Organismen oft kreativer in ihren Anpassungsstrategien sind, als wir es uns vorstellen können.
Und vielleicht ist das die eigentliche Verbindung zwischen diesem Baum und meiner Arbeit.
Die Natur strebt nicht nach einem idealisierten Zustand. Sie strebt nach Lebensfähigkeit unter den gegebenen Bedingungen.
Sie sucht nicht Perfektion. Sie sucht Gleichgewicht.
Dieses Gleichgewicht kann manchmal ganz anders aussehen, als wir es erwarten würden. Ein Baum, der eigentlich nicht mehr stehen dürfte, steht trotzdem. Ein Tier, das nicht mehr „gesund im klassischen Sinn“ wird, kann trotzdem in eine stabile, lebenswerte Situation kommen. Je länger ich mich mit chronischen Erkrankungen beschäftige, desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir Heilung häufig zu eng definieren.
Wir setzen Heilung oft mit Heilwerden gleich. Also damit, dass etwas verschwindet, repariert wird oder wieder so wird wie früher. Doch viele der Tiere und Menschen, die ich begleite, werden nie wieder in einen vollständig physiologischen Zustand zurückfinden. Manche Dinge bleiben. Manche Erkrankungen begleiten sie ein Leben lang.
Trotzdem sehe ich immer wieder Heilungsprozesse. Nicht weil die Erkrankung einfach verschwindet, sondern weil das System aufhört, gegen die Realität anzukämpfen und beginnt, sich in ihr neu zu organisieren.
Heilung besteht in solchen Fällen nicht darin, zum alten Zustand zurückzukehren, sondern darin, einen neuen Normalzustand zu entwickeln. Einen Zustand, der möglicherweise nie dem ursprünglichen Ideal entspricht und dennoch Lebensqualität, Stabilität und Wohlbefinden ermöglicht.
Akzeptanz wird dabei häufig missverstanden.
Sie bedeutet nicht, etwas gutzuheißen oder aufzugeben. Sie bedeutet vielmehr, die Realität als Ausgangspunkt anzunehmen und von dort aus nach den Möglichkeiten zu suchen, die weiterhin vorhanden sind. Das klingt für viele Menschen zunächst traurig, ist es aber gar nicht. Im Gegenteil. Oft entsteht genau in diesem Moment eine neue Leichtigkeit.
Der Organismus investiert seine Energie nicht länger in etwas, das nicht mehr veränderbar ist, sondern in die Bereiche, in denen Entwicklung weiterhin möglich ist. Plötzlich entstehen neue Bewegungsmuster, neue Strategien, neue Möglichkeiten. Nicht selten verbessert sich dadurch die Lebensqualität deutlich, obwohl die ursprüngliche Diagnose unverändert geblieben ist.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Form von Heilung, die ich in meiner Arbeit immer wieder beobachte. Nicht als Rückkehr. Sondern als Ankommen in einem neuen Gleichgewicht.
Was wir nicht alles entdecken können, wenn wir mit offenen Augen durch die Welt gehen!





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