Was ich von meiner verstorbenen Stute gelernt habe
- Carina Schütte

- vor 4 Tagen
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Wenn mich jemand fragt, was ich von Bylgja gelernt habe, fällt es mir schwer, eine einzelne Antwort zu geben. Heute glaube ich, dass all die Erfahrungen, die wir miteinander gemacht haben, von Anfang an dieselbe Botschaft in sich getragen haben. Ich habe nur viele Jahre gebraucht, um sie wirklich zu verstehen.
Bylgja hat mir gezeigt, wie viel Einfluss Erwartungen auf Beziehungen haben und wie wenig echte Verbindung entsteht, wenn wir versuchen, andere in unsere Vorstellungen zu pressen.
Als sie in mein Leben kam, war mir das nicht bewusst. Ich habe mich stark daran orientiert, was von mir erwartet wurde. Ich wollte nicht auffallen. Ich wollte niemanden enttäuschen. Ich wollte alles richtig machen. Vieles von dem, was ich im Laufe meines Lebens über Beziehungen gelernt hatte, habe ich ganz selbstverständlich auch in die Beziehung zu Bylgja getragen.
Nach einem langen Arbeitstag fuhr ich oft mit einem klaren Plan in den Stall. Ich wusste genau, was ich an diesem Tag mit ihr machen wollte. Je genauer dieser Plan war, desto größer war allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass Bylgja ihn nicht mittragen würde. Es gab Tage, an denen ich sie kaum einfangen konnte. Sie ließ mich bis auf einige Meter an sich heran und galoppierte dann davon. Ich erinnere mich noch gut daran, wie frustrierend das für mich war.
Damals dachte ich, es ginge darum, dass sie nicht kooperieren wollte. Später verstand ich, dass sie etwas ganz anderes getan hat. Sie hat sich geweigert, Erwartungen zu erfüllen, nur weil ich sie hatte.

Damit traf sie einen wunden Punkt in mir. Nicht nur, weil ich mich zurückgewiesen fühlte, sondern auch, weil ich Angst hatte, wie es von außen aussehen würde. Ich wollte nicht die sein, die ihr Pferd nicht „im Griff“ hat. Nicht die, über die gesprochen wird. Nicht die, die sich nicht durchsetzen kann. Bylgja schien all das nicht im Geringsten zu interessieren. Sie war nicht bereit, ihre eigene Wahrnehmung, ihre Bedürfnisse oder ihre Tagesform hintenanzustellen, nur damit mein Plan aufging.
Damals hat mich das herausgefordert. Heute bin ich ihr dafür dankbar. Im Laufe der Jahre habe ich verstanden, dass sie mir etwas gezeigt hat, das weit über den Umgang mit Pferden hinausgeht.
Ein Pferd ist kein Projekt. Kein Freizeitpartner, der unsere Wünsche erfüllen soll. Kein Wesen, das dafür da ist, sich unseren Vorstellungen anzupassen.
Es ist ein Individuum. Mit eigenen Bedürfnissen. Mit eigenen Grenzen. Mit eigenen Vorlieben. Mit eigenen Entscheidungen. Beziehung entsteht nicht dadurch, dass einer bestimmt und der andere folgt. Sie entsteht dort, wo beide gesehen werden. Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf Pferde verändert. Aber nicht nur auf Pferde. Sie hat meinen Blick auf Beziehungen verändert.
Es gab eine lange Zeit, in der diese Lektion besonders intensiv wurde. Bylgja hatte gesundheitliche Herausforderungen und ich geriet immer mehr in einen Zustand, den vermutlich viele Menschen kennen, die ein krankes Tier begleiten. Ich wollte alles richtig machen. Ich wollte nichts übersehen. Keine Möglichkeit ungenutzt lassen. Keine falsche Entscheidung treffen. Hinter all dem steckte Liebe. Doch irgendwann merkte ich, dass sich etwas verschoben hatte. Aus Fürsorge war Verpflichtung geworden. Aus Verbundenheit war Anstrengung geworden.
Ich fühlte mich verantwortlich für alles und gleichzeitig verlor ich immer mehr den Kontakt zu dem Wesen, für das ich das alles eigentlich tat. Ich war so beschäftigt damit, alles perfekt zu machen, dass ich kaum noch wahrnahm, was zwischen uns geschah. Irgendwann zog ich die Reißleine. Ich brachte Bylgja für einige Monate an die Nordsee. Zu diesem Zeitpunkt war ich so erschöpft, dass ich einfach nicht mehr konnte. Es fühlte sich zunächst an wie Aufgeben. Rückblickend war es vermutlich das Gegenteil.
Zum ersten Mal hörte ich auf, gegen alles anzukämpfen. Zum ersten Mal ließ ich los.
Als wir danach wieder zusammenkamen, war etwas anders. Da war wieder Leichtigkeit. Da war wieder Verbindung. Ich hatte aufgehört, mich und sie permanent an irgendwelchen Erwartungen zu messen. Erst viel später habe ich verstanden, dass Bylgja mir all die Jahre dieselbe Botschaft gezeigt hatte.
Liebe und Verpflichtung sind nicht dasselbe.
Sie wusste, dass ich bereit gewesen wäre, alles für sie zu tun. Aber sie wollte mir zeigen, dass daraus kein Anspruch entsteht. Nicht auf Gehorsam. Nicht auf Anpassung. Nicht auf Zustimmung. Nicht einmal auf Gegenliebe. Denn in dem Moment, in dem Liebe zur Verpflichtung wird, verliert sie ihre Freiheit. Und wenn sie ihre Freiheit verliert, verliert sie etwas ganz Wesentliches.
Wenn Liebe nicht frei ist – was ist sie dann noch wert?

Bylgja hat mir gezeigt, dass echte Kooperation immer eine freie Entscheidung ist. Sie entsteht nicht aus Druck, nicht aus Schuldgefühlen, nicht aus Unterordnung. Sie entsteht dort, wo man sich begegnet. Dort, wo beide Nein sagen dürfen. Dort, wo beide sie selbst sein dürfen. Dort, wo niemand jemand sein muss, der er oder sie nicht ist. Vielleicht war genau das der Grund, warum unsere Beziehung für mich so besonders geworden ist. Sie hat mich immer wieder eingeladen, genau das zu tun. Mich zu zeigen - mit meiner Unsicherheit, mit meinem Perfektionismus, mit meiner Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen, mit allem, was da war. Gleichzeitig hat sie mir gezeigt, dass Klarheit keine Härte ist. Dass Grenzen nichts mit Egoismus zu tun haben. Dass man sich nicht klein machen muss, um verbunden zu sein.
Wenn ich heute auf unsere gemeinsame Zeit zurückblicke, denke ich nicht zuerst an das, was wir gemacht haben. Ich denke an das, was sie mich gelehrt hat. Dass Vertrauen wichtiger ist als Kontrolle. Dass Verbindung wichtiger ist als Leistung. Und dass Liebe nur dort wirklich lebendig sein kann, wo sie frei sein darf.
Heute wäre Bylgja 18 Jahre alt geworden. Und auch mehr als vier Jahre nach ihrem Tod ist sie noch immer Teil meines Lebens. Nur auf eine andere Weise.
Was ich von ihr gelernt habe, sind nicht einfach ein paar Lektionen gewesen. Ohne sie wäre ich heute nicht die, die ich bin. Das, was sie mich gelehrt hat, war nie nur wichtig für unsere gemeinsame Zeit. Es hat verändert, wie ich Beziehungen lebe, wie ich Menschen begegne, wie ich mit Erwartungen umgehe und was Liebe für mich bedeutet. Sie hat mein ganzes Leben verändert.
Vielleicht ist genau das das Besondere an den Tieren, die uns wirklich berühren. Sie begleiten uns nicht nur ein Stück unseres Weges. Sie hinterlassen etwas in uns, das bleibt. Nicht als Erinnerung, sondern als Teil dessen, wer wir geworden sind.

Für immer in meinem Herzen🤍



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