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Verlust aus Sicht der TCM

  • Autorenbild: Carina Schütte
    Carina Schütte
  • 11. Jan. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Apr.

Heute vor genau drei Jahren, musste ich den irdischen Teil meiner langjährigen Gefährtin schweren Herzens gehen lassen. Bylgja starb für mich völlig unerwartet an einer Kolik, auch wenn sie mich schon viele Jahre zuvor immer wieder auf diesen Tag vorbereitet hatte. Ich musste diese eine Entscheidung treffen, die wohl jeder Tierbesitzer am meisten fürchtet. Von der ersten Nachricht aus dem Stall bis zur Entscheidung in der Tierklinik war ich völlig  klar. Ich wusste, dass ich diese Entscheidung nicht für mich traf. Bis dann der Moment kam, in dem sie tatsächlich starb und es mir die Luft zum Atmen und all meinen Sinn nahm. Ich hatte keine Ahnung, wer ich ohne sie war.

 

Die Trauer ist aus Sicht der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) mit der Lunge und dem Dickdarm verbunden. Wenn einem ein Stein auf der Brust liegt oder man das Gefühl hat, nicht mehr atmen zu können, wird dieser Bezug besonders deutlich. Viele Lebewesen reagieren mit „Verstopfungen“ auf den Energieleitbahnen, denn auf Trauer folgt oft eine Stagnation von Energie, ob in der Lunge oder im Dickdarm. Diese Stagnationen können zu Verspannungen im Bereich des Meridianverlaufs von Lunge und Dickdarm, zu Husten, Hauterkrankungen oder auch Verdauungsproblematiken führen. Trauer kann die Brust eng werden lassen. Wie Steine, die den natürlichen Lauf eines Baches verlegen, kann der Verlust eines Gefährten - ganz gleich ob Mensch oder Tier, den Fluss des Qi behindern, wenn wir ihn nicht verarbeiten. Das Qi schwindet. So kann Trauer auch die zugeordneten Organe schädigen, wenn sie unterdrückt wird oder zu lange besteht. Wenn wir nicht loslassen können, ist oft der Dickdarmmeridian besonders betroffen. Seine Aufgabe ist es Reines von Unreinem zu trennen und so kann er genau hier eine entscheidende Rolle spielen. Bei Pferden erlebt man immer wieder, dass sie Anzeichen von Stagnationen des Energieflusses zeigen, wenn wichtige Gefährten ihr Leben verlassen, vor allem dann, wenn sie nicht wissen was geschehen ist. Die Einen entwickeln Atemwegs-  oder Hautkrankheiten, andere wirken depressiv und haben wenig Lust sich zu bewegen. Und plötzlich findet man sich in einer Abwärtsspirale wieder. Darin zeigt sich, wie wichtig es ist, diese Gefühle zu durchfühlen, sie nicht zu verdrängen und sich damit auseinanderzusetzen, damit alles im Fluss bleibt. 

 

Für uns Menschen ist es dabei wichtig zu weinen, denn Weinen bringt die Trauer in den Fluss und entlädt Spannungen, die unsere Energien ansonsten schädigen könnten. Trauer ist quasi selbst Energie, also Qi und das muss fließen, damit alles weitergehen kann und es einen Neuanfang gibt. Aber Vorsicht, denn nicht nur das Unterdrücken von Trauer kann den Organsystemen schaden und  übermäßige Trauer unser Qi schwächen. Auch umgekehrt, kann ein Lungenmeridian in Dysbalance, zum Beispiel bei einem Tier oder Menschen mit chronischen Atemwegsleiden, das Gefühl der Trauer verstärken, weil der Energiefluss ohnehin schon eingeschränkt ist. Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, dass unser Qi frei fließen kann und in ausreichender Menge vorhanden ist, damit der Körper sich selbst regulieren kann.


Tiere haben ihren ganz eigenen Umgang mit dem Tod. Für sie gehört er ganz natürlich zum Leben dazu und sofern sie sehen und verstehen können, dass ihr Partner unsere Welt verlassen hat, finden sie in der Regel relativ leicht einen Umgang damit. Uns Menschen fällt der Umgang mit unserer eigenen Trauer und der unserer Mitmenschen oft sehr viel schwerer. Unsere Gesellschaft lehrt uns früh, diesem Gefühl am besten hinter verschlossenen Türen nachzugehen, lieber niemanden damit zu behelligen und schnell wieder zu funktionieren. Wir sollen bitte glückliche Miene zum traurigen Schicksal machen. Daher kommt es, dass viele Menschen einfach nicht wissen, wie sie mit Trauer und Trauernden umgehen sollen. Ich kann aus eigener Erfahrung nur jeden ermutigen, sich ausreichend Zeit und Raum für die Trauer zu schaffen bzw. sich zu trauen mal nachzufragen, wie es dem Trauernden mit dem Verlust ergeht, auch wenn die Antwort möglicherweise schwer auszuhalten ist. Einfach darüber hinwegzugehen oder so zu tun als wäre nichts passiert, kann negative Auswirkungen haben. „Sei nicht traurig“ und „das wird schon wieder“ waren unter meinen TopFive der meist gehassten Zusprüche, die sicherlich lieb gemeint waren. Es geht nicht darum etwas Tröstendes zu sagen, meistens reicht es einfach da zu sein, mitzufühlen oder zu signalisieren, dass man den Schmerz sieht und er seine Berechtigung hat. Dafür braucht es keine großen Worte, nur den Mut die Antwort oder die Reaktion mitzutragen. Sind wir mal ehrlich, wie oft fragen wir uns eigentlich ernsthaft, wie es einander geht? Ich denke wir sollten das öfter tun!


In der TCM gehört die Trauer zum Metallelement, das dem Herbst zugeordnet wird und die Zeit des Rückzugs beschreibt. Ein Phänomen das man häufig bei Trauernden beobachtet und das durch mangelndes Einfühlungsvermögen des Umfelds verstärkt werden kann, auch bei Tieren. Daher geht nicht einfach zur Tagesordnung über, wenn euer Tier einen Verlust erlitten hat, gebt ihm das Gefühl, dass ihr es versteht, seine Trauer respektiert und mit ihm fühlt. Und ja, manchmal kann ein Verlust auch eine jahrelange Reitbeteiligung sein, die plötzlich das Team verlässt oder ein Umzug des Pferdes, der Freunde voneinander trennt. Fühlt genau hin, was eurer Tier braucht. Trauer ist sehr individuell und jeder geht anders damit um. Der eine sucht die Ablenkung, der andere braucht Ruhe zum Verarbeiten. 


In diesen Lebensphasen können wir mit der TCM gezielt den Lungen- und Dickdarmmeridian unterstützen, um die Energie im Fluss zu halten und Folgeschäden oder übermäßigem Unwohlsein vorzubeugen. Die beiden Meridiane genießen Massagen in solchen Zeiten besonders. Welcher mehr Unterstützung benötigt, ist sehr individuell und hängt vom Typ und von der Symptomatik ab.


Ich hatte das große Glück ein paar liebe Menschen und einen besonderen tierischen Begleiter an meiner Seite zu haben. Dennoch zog auch ich mich zurück und nahm mir Zeit zu Trauern. Nicht genug, wie ich feststellen musste. Doch die Stimmen von außen wurden nach einigen Wochen langsam lauter und der Erwartungsdruck, dass es mir jetzt langsam wieder gut gehen müsse, wurde spürbar größer. Meinen alten Job hatte ich gekündigt, um einen Neuen anzutreten, der näher am Stall gelegen war und von dem ich mir mehr Zeit mit meiner Bylgja versprochen hatte. Als ich entgegen meines Gefühls, mit einem Monat Aufschub diesen neuen Job antrat, war dieser Schritt bereits zum Scheitern verurteilt. Ich hielt es sprichwörtlich ein Jahr aus. Alles in mir sträubte sich, ich kam einfach nicht an in meinem neuen Leben, das ich mir so anders vorgestellt hatte. Ich hatte in dieser Zeit mit massiven Verspannungen zu kämpfen, die mir niemand so richtig lösen konnte und die mich in meinem Alltag und beim Sport zeitweise sehr einschränkten, was mein Wohlbefinden nur noch mehr verschlechterte. Es dauerte etwas bis mir die Zusammenhänge klar wurden.

 

Und Ja, als ich es endlich erkannte und diesen Job kündigte, wurde es besser. Ich schöpfte neue Kraft und mein Leben kam wieder in den Fluss. Ich habe irgendwann erkannt, dass ich meine Bylgja immer bei mir haben werde. Ich konnte sie loslassen und trage sie in meinem Herzen. Die vielen unvergesslichen Momente, die wir gemeinsam erlebt haben, kann uns niemand nehmen. Sie hat mich auf neue Wege geführt und mich begleitet, bis ich soweit war, diesen Weg alleine weiterzugehen und für mich einzustehen. Das war eine schmerzhafte Erkenntnis, aber es ist auch eine wahnsinnige Bereicherung. Ich habe die Energie aus diesem Gefühl zur Vervollständigung meiner Ausbildung als Tierheilpraktikerin genutzt und bin heute sehr dankbar, dass sie mich auf diesen Weg geleitet hat und ich darin meiner Berufung - mittlerweile immerhin nebenberuflich - folgen darf.💞



Allen, die trauern möchte ich ein Zitat von Rainer Maria Rilke mitgeben, das mir in dieser Zeit geholfen hat: 

„Vergangen nicht, verwandelt ist was war.“ 

Es gibt kein Ende unserer Verbindung zu anderen! Fühlt in euch hinein, sie werden euch immer begleiten! 


Wenn ihr es zulasst, könnt ihr sie fühlen.



 

Meridianmassagen können helfen, die Energien zu harmonisieren. Massiere dafür den jeweiligen Meridian immer von seinem Anfang zum Ende und beginn dann wieder bei Lu1 bzw. Di1.



 
 
 

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